Productronica 2017 Leitmesse für Elektronikfertigung, oder wo geht die Reise hin?

Die Meinungen bei der Fragestellung, wo die Reise hingeht, driften weit auseinander. Aber von welcher Reise sprechen wir eigentlich? Nun, von einer Reise ins digitale Zeitalter. Darüber wird jeden Tag gesprochen und jeden Tag gibt es darüber etwas zu lesen und zu diskutieren.

Die einen sagen, es wird schon nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird, die anderen sprechen von der digitalen Revolution, bei der kein Stein mehr auf dem anderen bleibt und wieder andere, dazu zählt kein geringerer als Elon Musk, CEO von Tesla, warnen gar vor den Gefahren, die von der künstlichen Intelligenz ausgehen.

An allem ist wohl etwas dran. Die Gefahren sind nicht zu übersehen. Einer voll vernetzten digitalen Welt blind zu vertrauen, wäre fatal; die Digitalisierung aber deshalb abzulehnen und an althergebrachten Dingen und Handlungsweisen festzuhalten, wäre ebenso falsch. Denn andere sind längst einen Schritt weiter.

Und weil das so ist, sehen wir uns auch immer wieder an Punkten um, die mit dem Thema Uhren auf den ersten Blick nicht viel zu tun haben, die aber im erweiterten Sinne sehr wohl Rückschlüsse zulassen, auf das, was möglicherweise an dieser oder jener Stelle passieren wird oder gar passieren muss.

Natürlich erzählen in diesen Tagen einige CEO´s von diversen Uhrenherstellern, dass in 2017 die Geschäfte doch wieder viel besser laufen als noch in 2016 und für 2018 die Aussichten gar noch besser eingeschätzt werden. Aber sind das wirklich nachhaltige und belastbare Einschätzungen?

Wir behaupten kühn, dass sie das nicht sind! Das erinnert viel eher an die gute Mine zum bösen Spiel. Und wir behaupten weiter, dass die Uhrenindustrie heute in einem ähnlichen Dilemma steckt, wie seinerzeit bei der Quarzkrise. In den letzten Jahren wurden hohe Investitionen in neue Manufakturen getätigt, letztlich um die Fertigungskapazitäten zu erhöhen.

Nur, wirklich benötigen tut diese Zusatzkapazitäten heute niemand mehr, im Gegenteil. So manch einer wäre wohl froh, könnte er die ein oder andere Entscheidung rückgängig machen. Die Einsteigerpreisklasse bis ca. 500 EUR strauchelt massiv und kommt nicht auf die Füße. Geld wird hauptsächlich wieder dadurch verdient, dass global gesehen, nicht mehr, sondern wieder teurer gekauft wird. Getreu dem Motto: Wenn schon, denn schon. Und dann soll billiges Geld möglichst werthaltig angelegt werden. Also wenn schon, dann bitte die Ausführung in Edelmetall. So vermittelt es uns aktuell die monatlich abrufbare Statistik der Schweizer Exporte.

Deutlich anders sieht es bei den neuen digitalen und smarten Geräten aus, die an´s Handgelenk gelegt werden und die neben der Zeit noch ganz viele andere Dinge anzuzeigen oder zu erledigen vermögen.

Die Apple Watch war der Türöffner für eine ganz neue Generation plötzlich salonfähiger und im Alltag mittlerweile recht nützlicher Gadgets. Und was machen diese Geräte sonst noch? Sie werden zu Abermillionen Stück verkauft. Die Platzhirsche sind Apple, Xiaomi, Fitbit, Huawei, Samsung und Garmin, um nur die wichtigsten zu nennen. Die Umsätze, die beispielsweise allein von Apple eingefahren werden, haben Rolex als bisherige Nummer 1 bereits hinter sich gelassen.

Das sind alles keine neuen Erkenntnisse und lassen sich an vielen anderen Stellen nachlesen.

Neu aber war ein Besuch von uns auf der Productronica, einer Leitmesse für Elektronikfertigung, die einmal mehr half, die Frage zu beantworten, wo denn die Reise in die Zukunft hingeht.

Die Antwort steht nun ziemlich fest. Die Reise, oder sprechen wir besser von Transformation ins digitale Zeitalter – und hier werden die Wearables eine immer wichtigere Rolle spielen – wird an Geschwindigkeit nochmals zulegen, auch in Deutschland, wollen wir nicht auf den hinteren Plätzen landen. In Asien, aber auch in anderen europäischen Ländern, wie beispielsweise in Osteuropa und hier ganz besonders in Estland, hat die Digitalisierung bereits eine ganz andere Ausbaustufe erreicht.

Dort wo wir noch diskutieren, ob bargeldloses Einkaufen gut oder schlecht ist, haben diese Länder das Thema längst für sich entdeckt und umgesetzt. Und dort gibt es dann auch keine Diskussion mehr mit irgendwelchen Sparkassen, die nicht zugeben wollen oder können, ob nun Apple Pay, Fitbit Pay, Samsung Pay, Alipay und was es da sonst noch alles gibt, gut oder schlecht ist. Diese Dinge sind dort im praktischen Einsatz und werden sich auch bei uns nicht aufhalten lassen, Sparkassen hin, Sparkassen her. Vielleicht mit etwas Verzögerung, aber kommen wird das, so sicher wie das Amen in der Kirche.

Und plötzlich befindet sich in Form der Apple Watch der Samsung Gear oder der Fitbit IONIC die Geldbörse mit einer virtuellen Master oder VISA Card am Handgelenk. Und wo ist und bleibt dann die liebgewonnene Uhr? Vermutlich zu Hause im Nachtkästchen. Und wünscht sich der Junior oder die Tochter dann noch eine konventionelle Uhr zu Kommunion, Firmung, Weihnachten, oder zum Geburtstag? Wohl eher nicht mehr so sehr. Das ist bereits Fakt.

Aber das ist der Stand heute. Uns interessiert aber weit mehr, was in den nächsten Jahren passieren wird? Nun die Strategen in den großen Elektronikzentren gehen davon aus, dass sich die Wearable-Industrie innerhalb der nächsten 4 Jahre hinsichtlich Stückzahl nochmals verdoppeln wird. Dabei spielt die Smartwatch die zentrale Rolle.

Die Experten sind sich da so sicher, weil die Technologien sich in rasender Geschwindigkeit fortentwickeln. Es wird neuartige Sensoren geben und es wird völlig neuartige Herstellverfahren geben. Weiter miniaturisierte Bauelemente werden dann nicht mehr aufgelötet, sondern mittels Ink-Jet Drucker direkt auf das Substrat der Leiterplatte aufgebracht. Es werden 3D-Geometrien vorherrschen, es wird biegsame Batterien geben und es wird elastische und dehnbare Elastomere mit integrierter Elektronik geben. Gekrümmte und biegbare Displays folgen auf dem Schritt.

Eine provokante Frage die auf dem Innovations-Forum der Productronica im Raum stand: Wird es im Jahr 2025 überhaupt noch Smartphones geben? Vielleicht schon, vielleicht auch nicht. Weshalb nicht? Weil durch die fortschreitende Miniaturisierung zu diesem Zeitpunkt die gesamte Intelligenz eines Smartphones bequem in einem Wearable – getragen am Handgelenk – untergebracht werden kann.

Und die Wearables werden dann noch viel weitreichendere Aufgaben z.B. bei der Überwachung wichtiger Körperfunktionen übernehmen können. Das funktioniert natürlich nicht mit der mechanischen Rolex oder IWC am Handgelenk. Auch ein Quarzmodell aus dem Hause Tissot wird hier nicht weiterhelfen. Dazu bedarf es ganz anderer Geräte und Technologien.

Und diese werden künftig auch noch in sehr viel höherer Geschwindigkeit produziert werden und lassen sich damit zu immer günstigeren Preisen darstellen. Der neue Hochgeschwindigkeits SMT-Bestücker von Panasonic beispielsweise schafft pro Stunde 77.000 Bauelemente auf der Leiterplatte zu positionieren und die Bauteilgröße darf winzige 0,1 x 0,2 mm betragen. D.h. alle 50ms wird ein Bauteil aufgebracht und die Positionierungsgenauigkeit beträgt dabei hochpräzise 25µm.

Wir haben das Gerät in Betrieb gesehen. Da hält man schon mal kurz den Atem an. Und die Maschine läuft 24 Stunden / 7 Tage die Woche. Übers Jahr hält Panasonic ganze 40 Std. für Wartung und Reparatur vor.

Und solche Dinger stehen dann bei den großen Elektronikfertigern wie Foxconn, Flex, Compal oder Quanta zu Hunderten in deren endlosen Hallen in China, Korea, Taiwan oder Indien.

Die Messeleitung ließ denn auch verlauten, dass das Interesse ungebrochen ist und gegenüber der letzten Messe von vor zwei Jahren ein Anstieg der Besucherzahlen von 20% verbucht werden konnte. Das große Interesse an Smart Technologies zeigt, dass die Digitalisierung zügig voranschreitet.

Und vor einem solchen Szenario diskutieren wir, wo die Reise hingeht. Wir für uns haben die Antwort längst gefunden.

Der Autor

Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

LINKS:

 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.