Baselworld 2018, Teil 3: Smarte Uhren

Die Baselworld 2018 mit ihrer abnehmenden Zahl an Ausstellern ist symptomatisch für die ganze Branche. Der Absatz an Uhren schwindet, wenngleich die Hersteller sich rühmen, doch seit rund 6 Monaten wieder steigende Umsätze zu erwirtschaften. Das mag durchaus so sein und die Perspektiven sind auch nicht so schlecht. Aber sind sie denn wirklich gut?

Nachdem 2017 gerade wieder das Umsatzniveau von 2011 erreicht wurde, sollten die Verantwortlichen in ihren Einschätzungen wohl eher vorsichtig agieren.

Stabiler und nachhaltiger Erfolg sieht anders aus. Der findet nämlich seit gut 3 Jahren mit jährlichem Wachstum von >20% bei den sog. Wearables statt, also bei jenen kleinen Minicomputern, die vorzugsweise am Handgelenk getragen werden und schon so manchen eingefleischten Träger einer hochwertigen Uhr – und da bleiben selbst Kunden von Rolex, IWC & Co. nicht außen vor – zum Umstieg auf eine Garmin oder Apple Watch veranlasst haben.

Aber, wenn das so ist, wo sind in Basel dann eigentlich Samsung und Intel abgeblieben, die im vergangenen Jahr doch noch für so viel Gesprächsstoff auf der Baselworld gesorgt haben? Die beiden waren in diesem Jahr nicht dabei. Auch Garmin, ein Hersteller, auf den eigentlich viele gewartet hatten, war nicht nach Basel gekommen. Fast, so schien es, möchte man das Thema intelligente Uhren von der Ausstellungsfläche wieder zurückdrängen.

Das wäre wohl fatal und würde dem gleich kommen, wenn innovative Automobile mit Hybrid- oder Elektroantrieb nicht auf einer klassischen Automesse ausgestellt würden, sondern nur auf der CeBit, oder anderen mehr Technologie- oder IT-affinen Messen. In dieser Branche undenkbar, in der Uhrenbranche offensichtlich schon. Fragt sich nur, wie lange noch.

Die intelligente Uhr ist damit aber alles andere als tot, auch wenn Basel und so mancher Hersteller klassischer Uhren sich das vermutlich wünschen würde.

Das Gegenteil ist der Fall: Dort wo die klassischen Uhrenhersteller mittlerweile im gnadenlosen Verdrängungswettbewerb in einem gesättigten Markt um Anteile kämpfen, positioniert sich Apple innerhalb von nur 3 Jahren als umsatzstärkster Uhrenhersteller der Welt – vor Rolex! Die Apple Watch macht´s möglich! Wer hätte das gedacht?

Wie bereits ausgeführt, versteht sich die Baselworld nicht unbedingt als die Plattform, auf der smarte Zeitmesser in großem Stil ihr Debut feiern. Diese Rolle haben mittlerweile andere Veranstaltungen, wie die CES in Las Vegas, oder die IFA in Berlin übernommen. Dennoch tun sich an der ein oder anderen Stelle Überraschungen auf, die eine nähere Betrachtung verdienen.

Frédérique Constant

Die mittlerweile zur Citizen Group gehörenden Schwestermarken Frédérique Constant und Alpina haben die Messe für einen Paukenschlag genutzt und ihre neuesten Kreationen auf dem Gebiet der smarten und hybriden Uhren präsentiert.

Fréderique Constant betritt neben der bereits bekannten Horological Smartwatch – also einer analog anzeigenden hybriden Uhr – nun absolutes Neuland. Man folgt der Logik von Automobilherstellern und kombiniert den mechanischen mit einem zusätzlichen elektronischen Antrieb.

Die neue Frédérique Constant Hybrid kombiniert ein hochwertiges mechanisches Inhouse Manufakturkaliber mit einem elektronischen Zusatzmodul

Das mechanische Uhrwerk ist in klassischer Form für die Anzeige der Zeit zuständig und das elektronische Modul für Zusatzfunktionen, die mechanisch entweder gar nicht, oder nur mit extrem hohem Aufwand darstellbar wären. Ein cleverer und innovativer Ansatz, wie wir meinen.

Die neue Frédérique Constant Hybrid am Handgelenk

 

Alpina

Die Schwesterfirma Alpina greift das Thema Horological Smartwatch ebenfalls auf und bringt mit der Alpiner X nun ein Modell auf den Markt, welches aufhorchen lässt. Nicht nur, dass Alpina das Projekt über eine Kampagne bei Kickstarter innovativ vermarktet und finanziert, sondern der Uhr, zusätzlich zu den anlogen Zeigern, jetzt auch ein Display spendiert.

Alpiner X, die Neuvorstellung von Alpina mit innovativer Finanzierung und Vermarktung über Kickstarter

Und als absolute Weltneuheit darf dabei der integrierte UV-Sensor gelten, der bei Outdoor Aktivitäten stets darüber wacht, dass die Haut nicht zu viel vom schädlichen UV-Licht abbekommt.

Die innere Aufbau neuen Alpiner X, mit viel innovativer Technik unter der Haube.

Das geht mit keiner noch so komplizierten mechanischen Uhr. Hierfür ist die Elektronik zuständig, diesen Mehrwert zu schaffen; und für Alpina ein Alleinstellungsmerkmal. Damit kann sonst bislang niemand aufwarten.

Die neue multifunktionale Alpiner X von Alpina

Casio

Ebenfalls sehr aktiv zeigt sich Casio. Der traditionell mit der Elektronik eng verbundene Hersteller von robusten Alltagsuhren hat sein Portfolio an Connected Watches kontinuierlich erweitert und ausgebaut.

Die neue Casio Rangeman mit GPS-Funktion für den harten Outdoor Einsatz wurde kurz zuvor bereits auf der Inhorgenta in München vorgestellt

Als Top-Modell der smarten Uhren von Casio ist die mit WearOS ausgerüstete Smartwatch WSD-F20 nach wie vor gut im Rennen.

Casio Pro-Trek WSD-F20 ausgestattet mit WearOS von Google

Sodann skaliert der Hersteller sein smartes Portfolio hinunter zu den hybriden Uhren, bei denen immer mehr Modelle per Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt werden können und so eine ganze Reihe neuer Funktionen übertragen bekommen.

Die neue Gravity Master der extrem erfolgreichen Submarke G-Shock, jetzt natürlich mit Bluetooth-Koppelung für´s Smartphone
Eine vergleichsweise einfache und kostengünstige Variante von G-Shock, nun ebenfalls mit Bluetooth und entsprechender Smartphone-App versehen.

Citizen

Citizen ist in Basel mit einem ganzen Potpourri an Marken vertreten. Neben der Eigenmarke Citizen sind z.B. auch Bulova oder die Edelmanufaktur Arnold & Son, aber natürlich auch Fréderique Constant und Alpina an Bord.

Dass die Mechanik bei Citizen nach wie vor einen hohen Stellenwert hat, symbolisiert schon der Messstand mit hunderttausenden von Uhrwerksbrücken, die an insgesamt 96.000 dünnen Nylonfäden zu einem einzigartigen Lichtspiel aufgehängt sind

In eigener Sache betritt Citizen, mit ebenfalls zunehmender Tendenz – bislang aber eher unauffällig und geräuschlos – die Bühne der smarten Uhren. Einige hybride Modelle mit Bluetooth-Koppelung ans Smartphone, hauptsächlich für das zarte Damenhandgelenk, waren in Basel zu entdecken.

Casio Eco-Drive Hybrid für das Damenhandgelenk

 

Fossil

Die Fossil Group, die traditionell nicht direkt auf der Messe ausstellt, aber einen Shuttle-Dienst zu ihrem nur wenige hundert Meter entfernten Verwaltungsgebäude betreibt, nutzte – wie schon in den Vorjahren – die eigene Präsentationsfläche, um die aktuellen Produkte auszustellen. Technisch gab´s wenig Neues, dafür jedoch hinsichtlich Design viele neue attraktive Modelle der verschiedenen Eigen- und Lizenzmarken.

Fossil Q Hybrid
Skagen Hybrid
Skagen Smartwatch mit WearOS von Google

Die großen Neuerungen (Anm. der Redaktion: vermutlich mit Qualcomms neuer SoC Plattform Snapdragon Wear 3100), so deutete Fossil uns gegenüber im Gespräch an, wird es im Spätsommer 2018 auf der IFA in Berlin zu bewundern geben. Auch hier eine Messe, die immer mehr in Konkurrenz zur Baselworld in Erscheinung tritt.

HKTC

Das war es zum Thema smarte Uhren dann auch schon weitgehend, wäre da nicht noch die Halle gewesen, in der die HKTC ausstellte, also dort, wo Firmen aus Hong Kong und China zu finden sind. Die Asiaten treiben das Thema der smarten Uhren naturgemäß massiv voran, mit durchaus interessanten Produkten.

Auf der Ausstellungsfläche von HKTC gab es einige Anbieter, die mit smarten Produkten auf interessierte Kunden zugingen.

Fassen wir zusammen

In der Präsentation smarter Technologien hat die Baselworld keinen guten Job gemacht. Es waren zum Thema nur jene Hersteller anzutreffen, die aus der Uhrenszene stammen, das Thema smarte Uhren für sich entdeckt haben und ihr Portfolio entsprechend erweiteren.

Was aber fehlte, sind jene Anbieter, die neu auf den Markt gedrängt sind und sich dort innerhalb kürzester Zeit einen Platz an der Sonne erarbeitet haben. Egal, ob das wohlbekannte Namen wie Apple, Garmin, Huawei, Fitbit oder Samsung sind; hier, wie dort, werden mittlerweile Milliardenumsätze gemacht. Und der Platz am Handgelenk wird begehrter und damit knapper, so scheint es.

Apple kocht als unangefochtener Platzhirsch ohnehin seine eigene Suppe, aber die anderen Player gehen – wenn nicht nach Basel – dann einfach an andere Orte, wie Las Vegas (CES), Barcelona (MWC) oder Berlin (IFA). Dort spielt jetzt die Musik der innovativen Gadgets für´s Handgelenk.

Aber der Fachhandel ist hin- und hergerissen. Einige haben dem Thema eine Absage erteilt, manche zweifeln noch und wieder andere haben smarte Produkte dieser neuen Anbieter bereits erfolgreich in ihr Portfolio aufgenommen.

Diese Klientel sieht sich nun gezwungen, neben Basel künftig auch nach Berlin oder Barcelona zu reisen. Kann das die richtige Antwort der Baselworld auf diese die Zukunft bewegende Frage sein? Wohl kaum! Also werden wir gespannt sehen, ob und wann sich der Wind dreht. Vielleicht dann, wenn die Swtachgroup feststellen sollte, dass neben ihrem billigen Plastik-Wegwerf-Kaliber auch eine multifunktionale Smartwatch ganz gut ins Portfolio passen würde. Gut Ding braucht manchmal eben Weile.

Der Autor:
Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als freier Journalist und Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

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