Die CeBit ist tot, es lebe die „electronica“

Die Nachricht kam nicht unerwartet, lässt einen dann aber doch erschaudern. Die CeBit, einst mit 800.000 Besuchern das Aushängeschild Deutschlands, ist am Ende: Aus, Schluss, vorbei! Und dabei handelt(e) es sich nicht um eine Messe, die sich mit Themengebieten befasst, die keine Relevanz mehr hätten. Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall. Dennoch, die Messe hat völlig versagt und muss sich nun dem Mobile World Congress in Barcelona, der CES in Las Vegas oder der eigenen Unfähigkeit geschlagen geben.

Kein gutes Omen für den (Innovations-) Standort Deutschland möchte man meinen. Nun gehen auch noch IKEA und Xiaomi (der chinesische Senkrechtstarter unter den Herstellern von Smartphones) eine enge Kooperation ein, um dem Kunden in Sachen Smart Home in Zukunft nützliche und innovative Produkte rund ums Wohnen anbieten zu können. Auch bei diesen Zukunftsthemen ist aus deutschen Landen eher wenig zu hören.

Robotic war eines der zentralen Themen auf der electronica 2018

So startete letztlich auch die Pressekonferenz der weltgrößten Messe für Elektronik, die „electronica 2018“ mit einem klaren Statement:

„Wie die Elektronik der Zukunft das Leben der Menschen verändert“

Und da kommt in den nächsten Jahren noch ganz viel auf uns zu. Evolutionäre Schritte sehen anders aus, das sind schon eher revolutionäre Schritte, die uns erwarten.

So hatte die „electronica 2018“, mit 182.000 m² belegter Ausstellungsfläche, verteilt auf 17 Hallen – übrigens die größte electronica aller Zeiten – sich konsequent diesem technologischen Wandel verschrieben.

Die „electronica“ als Weltleitmesse der Elektronik lieferte dafür wichtige Impulse.

Wesentliche Elemente und Schwerpunkte waren in diesem Jahr:

  • IoT (Internet of Things), die Vernetzung von allem und jedem
  • Die Kommunikation mittels Spracheingabe
  • Smarte (E-) Mobilität (die Autos werden immer elektrischer und intelligenter bis hin zum autonomen Fahren)
  • Smart Home
  • Smart Grid / Smart Energy (intelligente Energieversorgung und Energiemanagement)
  • Medical electronics und E-Health, Healthcare (Medizin, Fitness, Sport, Outdoor)
  • Robotic
  • Blockchain-Technologie
  • Cyber Security (der Schutz von Systemen und Daten)
  • Und über all dem steht letztlich als größte Herausforderung: die Künstliche Intelligenz (KI).

Werden die Menschen in verschiedenen Ländern nach Ihrer Einschätzung zu den unterschiedlichen Themenfeldern befragt, so zeigt sich einmal mehr die Führung und letztlich auch Aufgeschlossenheit zu neuen Technologien im asiatischen Raum, und dort ganz besonders in China, gefolgt von den Amerikanern.

Einer der zahlreichen China Pavillons auf der electronica

In Europa ist die Zurückhaltung ausgeprägter, allen voran Deutschland, wo zu einigen Punkten ausgeprägte Skepsis vorherrscht. Italiener, Franzosen, oder auch die Angelsachsen sind da schon wieder etwas aufgeschlossener. Insbesondere bei den Themenfeldern Cyber Security und Datenschutz besteht nach Auffassung der Befragten Handlungsbedarf.

Das macht sich speziell in Deutschland auch beim vergleichsweise spärlich vertretenen Nachwuchs in den zahlreichen Ausbildungs- und Studiengängen bemerkbar, welche Elektronik oder Informationstechnologie zum Ziel haben.

Deshalb misst die Branche der Nachwuchsförderung eine sehr hohe Bedeutung bei und würdigte diese auf der Messe mit zahlreichen Themen- und Informationsinseln, speziell für junge Leute.

Die electronica 2018 war extrem gut besucht und verzeichnete in nur 4 Tagen über 80.000 Besucher

Viele der zahlreichen Besucher, denen wir auf der Messe begegnet sind, trugen smarte Zeitmesser in unterschiedlichsten Bauformen. Ein wesentliches gemeinsames Merkmal fast aller neuen Kreationen auf diesem Gebiet ist die technologische Nähe zu E-Health und Healthcare.

Im digitalen Wandel ergeben sich fast wie von selbst neue Trends und die manifestieren sich immer häufiger am Handgelenk.

Und so warfen wir einen Blick hinter die Kulissen, um zu sehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln; nicht nur am fertigen Produkt, sondern sehen und erleben, was sich in der nahen Zukunft auf Bauteileebene und damit in den Entwicklungslabors bereits heute abzeichnet.

Maxim Integrated offerierte ein breites Spektrum ausgereifter Sensorik für die Entwicklung und Produktion anspruchsvoller Wearables

Spätestens seit Apple mit der Apple Watch 4 neben der bereits bekannten und weitgehend ausgereiften optischen Pulsmessung nun auch die EKG-Funktion implementiert hat, und so auch älteren Menschen einen echten Mehrwert bietet, ist klar geworden, dass die Anbieter von Wearables das Thema Gesundheit in all seiner Vielfalt für sich reklamieren. Die Grenzen zwischen medizinischen Einsatzbereichen und persönlicher Anwendung bei Outdoor- und Sportaktivitäten sind zunehmend fließend.

Für den einen steht die Prävention im Vordergrund, für den anderen die Überwachung eines Ist-Zustandes mit Ausgabe von Signalen oder gar Warnungen, sobald sich dieser in ungewöhnlicher Form verändern sollte. Sei es die neuartige Sturzerkennung der Apple Watch oder die Überwachung des Stresslevels eines Autofahrers, wie es Garmin in Kürze in Zusammenarbeit mit einem bekannten Hersteller von Premium Automobilen verkünden wird.

Maxim Integrated bietet eine komplette Sensorplattform für das multifunktionale Wearable an

Abseits des Themas Gesundheit gibt es aber natürlich noch eine Reihe weiterer Themenfelder, die die smarten Gadgets am Handgelenk nach und nach für sich sich entdecken und belegen. Sei es der – zumindest in Deutschland noch neuartige – Bezahlvorgang, mittels dem auf NFC-Technologie basierten Contactless Payment oder der Kommunikation mittels eingebauten Mikrofon und Lautsprecher über die Sprachassistenten Bixby (Samsung), Google Assist (Google) oder Siri (Apple). Und damit sind wir mit unserem smarten Gadget am Handgelenk der Künstlichen Intelligenz schon recht nahe.

Damit das aber alles so perfekt auf kleinstem Raum funktioniert, bedarf es miniaturisierter Bauelemente höchster Güte und Zuverlässigkeit zu marktgerechten Preisen.

Der Halbleitergigant NXP mit einem umfangreichen Programm an SoC´s für Weaarbles

Auf der einen Seite stehen die Microcontroller bzw. SoC´s, wie sie die Halbleiterriesen Qualcomm, NXP oder STMicroelectronics im Programm haben und auf der anderen die erforderlichen Zutaten in Form von Energiespeichern über Displays bis hin zu den Sensoren, deren Aufgabe es ist, den Kontakt mit der Umwelt und dem Nutzer des smarten Zeitmessers zu pflegen.

Am Stand von Qualcomm mit seiner bekannten Snapdragon genannten Mikroprozessorfamilie, die mit dem jüngsten Typ SD 3100 Wear in der neuesten Generation von Smartwatches mit Googles WearOS zu finden ist.

Damit die kleinen Alleskönner weiter ertüchtigt werden, muss der Energiehaushalt optimiert werden. Dazu bedarf es leistungsfähiger, möglichst klein bauender und schnell aufladbarer Akkus.

Die Firma Varta hat hierzu einige Antworten parat, wie klein bauende, extrem zuverlässige Li-Akkus aussehen sollten, um den gestiegenen Anforderungen an Energiedichte und Baugröße nachzukommen.

Ein rascher Technologiewandel ist aber auch bei Displays zu beobachten. Nicht nur, dass diese in Auflösung, Brillanz und Energiebedarf permanent besser werden, es gibt auch immer mehr Anwendungen, bei denen analoge Anzeigen mittels Zeiger und darunter liegenden Display kombiniert werden.

Hybride Smartwatch mit aufgesetzten analogen Zeigern und darunterliegenden, vollflächigen transreflektiven Display

Das ist bei hybriden Smartwatches genauso der Fall, wie bei Anzeigeinstrumenten im Automobil. Hier, wie dort, möchte der Kunde auf den klassischen Zeiger nicht verzichten, aber dennoch an der aktuellen Technologie hochauflösender Displays mit ihren mannigfachen Anzeigemöglichkeiten partizipieren.

Die chinesische Firma Tianma beispielsweise zeigt, wie es geht. Am Beispiel einer hybriden Armbanduhr zeigt der Hersteller wie die Symbiose aus analoger Anzeigetechnik und digitalen Zusatzinformationen auf dem vollflächigen, extrem energiesparenden transreflektiven LCD-Display aussehen kann.

Digitales Anzeigeinstrument für ein Automobil mit großflächigem, hochauflösendem Display von Tianma, mit aufgesetzten analogen Zeigern

Im Falle einer Anwendung im Automobil kommt der Energieeffizienz eine etwas geringere Bedeutung zu, so dass hier die sehr kontrastreiche, hochauflösende OLED-Technologie zur Anwendung kommt.

Multifunktionale Plattform von Analog Devices für Wearables

Wearables sollen mehr und mehr für die Gesundheit relevante Parameter aufnehmen und erfassen.

Das Prinzip der optischen Pulsmessung mittels Photoplethysmographie (Licht-Reflexions-Rheographie)

Die Firmen Analog Devices und Maxim Integrated haben die dafür erforderlichen Sensoren nebst einer einfach zu handhabenden, seriennahen Entwicklungsumgebungen im Portfolio. Von der bereits bekannten Erfassung von Bewegungen (z.B. Schritte), über die Messung der Pulsfrequenz bis hin zur Erfassung eines EKG und letztlich der optischen Messung des Blutdrucks steht das gesamte Spektrum möglicher Funktionen und Anwendungen für die Entwickler der nächsten Gerätegeneration bereit.

Maxim Integrated bietet bereits eine Lösung zur optisch-elektrokardiografischen Blutdruckmessung an

 

Voll funktionsfähige Entwicklungsplattform von Analog Devices

Die von Analog Devices vorgestellte Entwicklungsumgebung gestattet es selbst Start-Ups oder bislang branchenfremden Neueinsteigern mit überschaubaren Aufwand und in kurzer Zeit marktreife Produkte auf die Beine zu stellen.

Einige mit der Swatch Group assoziierten Firmen stellen auf der electronica auf einem gemeinsamen Stand aus

Verwunderlich ist nach wie vor, dass die Swatch Group, obgleich mit eigenen Stand auf der „electronica 2018“ vertreten und mit allem Know How ausgestattet, welches für die Entwicklung und Vermarktung eines konkurrenzfähigen Wearables erforderlich wäre, nicht in die Gänge kommt und das boomende Geschäft lieber anderen überlässt.

Texas Instruments ist ein starker Partner in Sachen „Smart Home“

Ein weiteres Schwerpunktthema ist der wachstumsstarke Markt rund um Smart Home Produkte. Vom Fernseher, über die Steuerung des elektrisch angetriebenen Rolladen oder der intelligenten Waschmaschine bis hin zu Amazons Alexa, die per Sprachbefehl die entsprechenden Aktionen auslöst, soll künftig alles miteinander vernetzt werden. Nicht nur um die Geräte auch von der Ferne aus steuern zu können, sondern um z.B. günstigere Stromtarife in der Nacht besser nutzen zu können, oder künftig auch das Elektrofahrzeug als Energiespeicher in das häusliche Energiemanagement einzubinden.

Leider hapert es hier nach wie vor an durchgängigen Standards, so dass sich Geräte verschiedener Hersteller oftmals nicht miteinander koppeln lassen. Es gibt viel zu viele nicht miteinander kompatible Protokolle. Ob KNX, Z-Wave, Zig-Bee, X3D oder Home Connect, die Vielfalt ist groß, die Kompatibilität eher klein. Hier haben die Anbieter der entsprechenden Komponenten noch eine größere Aufgabe vor sich. Aber hatten wir so etwas nicht schon einmal in den glorreichen Tagen des Videorecorders?

So wie auch die Automobilhersteller, die sich mit dem Thema Elektrifizierung immer noch schwer tun.

Am Stand von Infineon mit dem vollektrifizierten Konzeptfahrzeug Volkswagen Buzz

Zwar sieht man an vielen Orten auf der electronica (beispielhaft hier am der Stand von Infineon) elektrifizierte Fahrzeuge ausgestellt, aber allein bei der Frage nach der Bereitstellung der für den Betrieb benötigten elektrischen Energie und der dazugehörenden Ladeinfrastruktur scheiden sich nach wie vor die Geister. So wird das nichts. Der Verbraucher ist verunsichert und hält sich mit dem Kauf dieser nicht gerade preiswerten Fahrzeuge verständlicherweise zurück. Da helfen auch die ganzen Förderprogramme nicht wirklich weiter, wenn der Kunde verunsichert ist und nicht weiß, wie, wo und ob überhaupt er sein Fahrzeug nach dem Kauf in einer ihm fremden Umgebung an einer der verschiedenen Ladestationen aufladen kann.

Nicht, dass wir uns nur auf der Stelle drehen, wie dieses Experimentalfahrzeug mit elektrischer Allradlenkung und voll eingeschlagenen Rädern.

Schöne neue Welt ja, aber bitte mit klaren und eindeutigen Antworten und Lösungen. Das erklärt auch ein Stück weit die eingangs erwähnte Zurückhaltung der Verbraucher in Europa, und insbesondere in Deutschland, gegenüber der neuen volldigitalen Welt.

Der Marketing Slogan von Analog Devices

Seien wir gespannt, welche Antworten wir auf diese Fragen in 2 Jahren auf der electronica 2020 zu hören bekommen.

Save the Date: Die „electronica 2020“ findet vom 10. – 13. November 2020 auf dem Messegelände München statt.

LINKS:

 

 

 

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.